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Der Sohn des Chefs. Und warum das kein Karriereplan ist.

  • 27. Juni 2023
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Apr.



Er war beliebt. Charmant. Umgänglich. Die Gäste mochten ihn, die Mitarbeitenden auch. Ein kurzer Auslandsaufenthalt, dann zurück ins Familienhotel, mal hier einspringen, mal dort. Alles lief gut.

Bis der Vater von heute auf morgen ausfiel.

Unfall. Klinik. Rückkehr ungewiss. Und plötzlich stand der Junior da – nicht als Juniorchef, sondern als Chef. Ohne Vorbereitung. Ohne klares Mandat. Ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet.

Was dann passierte, war kein Pech. Es war absehbar.

Die Illusion des Wohlwollens

Das Führungsteam hatte den Junior immer freundlich behandelt. Mitgezogen. Geduldet. Niemand hatte ihm je gesagt, was er wirklich dachte. Wer will schon den Sohn des Chefs beurteilen? Wer riskiert das Verhältnis zum Eigentümer für eine ehrliche Rückmeldung?

Also schwieg man. Und der Junior lebte in dem Glauben, dass er eine gute Führungskraft ist. Dass seine Entscheidungen wirksam sind. Dass das Wohlwollen, das ihm entgegengebracht wurde, ihm galt.

Es galt dem Vater.

Als der Vater wegfiel, fiel auch das Wohlwollen weg. Was blieb, war ein junger Mann, der plötzlich Entscheidungen treffen musste, ohne je gelernt zu haben, wie. Und ein Führungsteam, das jahrelang geschwiegen hatte – und nun plötzlich sehr viel zu sagen hatte.

Aus seiner Sicht: unverständlich. Aus ihrer Sicht: überfällig.

Was niemand ihm gesagt hatte

Autorität überträgt sich nicht durch Blutsverwandtschaft. Sie entsteht nicht dadurch, dass man der Sohn des Chefs ist. Sie entsteht durch Vertrauen, durch Kompetenz, durch die tägliche Arbeit an der eigenen Glaubwürdigkeit.

Das hatte ihm niemand gesagt. Nicht der Vater, der ihn schützen wollte. Nicht das Führungsteam, das den Konflikt scheute. Nicht die Mitarbeitenden, die ihn mochten.

Er hatte nie erfahren, wie er wirklich wahrgenommen wird. Nie eine ehrliche Rückmeldung bekommen. Nie die Reibung gespürt, die entsteht, wenn man wirklich führt – und nicht nur mitläuft.

Das ist kein Vorwurf an ihn. Es ist ein Systemversagen.

Das eigentliche Problem: fehlende Führungsbewusstheit

Um zu wissen, wie gut man führt, muss man sich selbst beim Führen beobachten können. Das klingt einfach. Es ist es nicht.

Die meisten Menschen sehen sich so, wie sie sich gerne sehen würden. Nicht so, wie sie tatsächlich wirken. Die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild ist in Führungsrollen besonders groß – und besonders teuer.

Der Junior hatte kein Feedback bekommen. Also hatte er kein realistisches Bild von sich selbst. Er wusste nicht, was er gut machte. Und er wusste nicht, was er nicht machte. Diese Blindheit ist keine Charakterschwäche. Sie ist die logische Konsequenz eines Systems, das ehrliche Rückmeldung verhindert hatte.

Was jetzt zu tun war

Der erste Schritt war der unbequemste: Aufhören so zu tun, als wäre alles unter Kontrolle.

Der zweite Schritt war der mutigste: Fragen stellen. Nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Führungshaltung. Wer fragt, zeigt Interesse. Wer wirklich zuhört, gewinnt Vertrauen. Wer den Mut hat zu fragen, was die anderen von ihm brauchen, gibt ihnen das Gefühl, dass ihre Meinung zählt.

Was braucht ihr von mir? Was habe ich missverstanden? Wie können wir diese Zeit gut gestalten, bis der Vater zurückkommt? Womit kann ich eure Arbeit unterstützen?

Das sind keine Fragen der Unsicherheit. Das sind Fragen der Intelligenz.

Je mehr Widerstand einem entgegenschlägt, desto mehr Fragen braucht es. Nicht weniger. Wer bei Widerstand verstummt oder zurückrudert, verliert. Wer neugierig bleibt, gewinnt langsam das, was sich nicht übertragen lässt: Respekt.

Was das wirklich kostet

Dieser Fall ist kein Einzelfall. Er ist ein Muster.

In Familienunternehmen weltweit sitzt irgendwo ein Junior, der nicht weiß, wie er wirklich wahrgenommen wird. Ein Führungsteam, das schweigt, weil es den Konflikt scheut. Ein Vater oder eine Mutter, die schützen wollen, aber damit schaden.

Die Rechnung kommt. Meistens dann, wenn man sie am wenigsten braucht.

Eine Übergabe, die nicht vorbereitet wurde, ist keine Übergabe. Es ist ein Experiment auf Kosten des Unternehmens, der Mitarbeitenden und der Familie.

Und das Traurige daran: Es wäre so leicht zu verhindern. Durch ehrliches Feedback. Durch klare Rollenverteilung. Durch den Mut, unbequeme Wahrheiten früh auszusprechen, anstatt zu warten, bis die Situation es erzwingt.

Wer fragt, der führt. Wer schweigt, der hofft. Beides hat seinen Preis.



 
 
 

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